21. Oktober 2007 - Ein elektronischer Ton der auf mich einjault und dessen Ursprung ich nicht sofort ausmachen kann, ist das erste heute Morgen, das ich nach 3 ½ Stunden Schlaf um 5:30 Uhr wahrnehme. Es dauert noch Sekunden, bis ich mich umgedreht und den kleinen Schalter am Radiowecker auf Off gedreht habe. Die Nachttischlampe strahlt mir ins unrasierte Gesicht und ich kann im Spiegel des Schlafzimmerschrankes das ganze Chaos ausmachen.
Dem ersten Gang ins Badezimmer folgt bereits beim zurückgehen das schnelle anziehen von mindestens 3 Schichten Textilien da ich im vorbeigehen an der Außentemperaturanzeige im Flur erkennen kann, dass wir 2 Grad haben. Schnell in der Küche ein Filter und Kaffee in die Maschine, Wasser und Go.
Im Flur die Schuhe geschnappt und angezogen. Ben steht bereits wedelnd vor mir und ich habe oft das Gefühl er lacht mich morgens aus, wenn ich mit wirr in die Luft stehenden Haaren meine Schuhe anziehe. Schnell die Leuchtweste über den Hund gezogen und mit Klettband einmal fixiert. Regenjacke über und raus zur Tür!
Es regnet. Ben bleibt stehen und schaut mich an.
Nun lache ich und zeige nach draußen.
Kaum sind wir 2 Meter gegangen gehen die ersten Hofstrahler an und um die Ecke gebogen noch einmal 3.
Nun ist alles hell erleuchtet. Ben ist bereits auf die Straße abgebogen und ich folge ihm
schnellen Schrittes. Meine Nase wittert, dass er es heute Morgen eilig hatte.
Als wir nach 10 Minuten zurückkommen ist wieder alles dunkel. Ich kann nur die Infrarotdetektoren der Überwachungskameras ausmachen. Überall ist es dunkel und noch keiner ist auf. Warum auch, am Sonntag um 5:40 Uhr an einem feuchtkalten Oktobermorgen.
Kaum habe ich die Stalltür aufgeschlossen und das Licht angemacht, fliegt mir das erste Halfter entgegen. Es ist die übliche Begrüßung. Kater und Katze liegen einträchtig auf unserem Futterheu und weichen nur missmutig, als ich beginne die Rationen in die Boxen zu verteilen. Aber das austeilen des Katzenfutters versöhnt beide sofort wieder. Ben überwacht das ganze Geschehen. Eine erste kleine Haferration an die Hengste beendet die Futtergabe.
Wir gehen zurück ins Haus und die Anziehprozedur läuft rückwärts. Es duftet angenehm nach Kaffee und nachdem ich mir die Finger gewaschen habe, schenke ich mir um 5:55 Uhr den ersten Becher ein, und setze mich an den Küchentisch.
Sonntag morgens lese ich immer die Zeitung vom Samstag. Gegen 7:00 Uhr setze ich Eierwasser auf und decke den Frühstückstisch. Eine Sonntag morgen Kerze kommt zum Einsatz. 7 Minuten köcheln 2 Eier vor sich hin, und als der Eierwecker klingelt, habe ich mein erstes Brot verdrückt. Nachdem das Frühstücksgeschirr in der Spülmaschine und die Verpflegung wieder im Kühlschrank verschwunden ist, macht sich Ben über sein Frühstück her.
Ich quäle mich derweil gegen 08:15 in meine Stallklamotten und 20 Minuten später sind alle Stallinsassen auf der Weide.
Der erste Pensionsgast kommt auch auf den Hof gefahren, und zerrt sein Hottie das gerade raus kam, wieder rein, um ihn ein wenig zu malträtieren. Gegen 11:00 Uhr ist sind alle Boxen gemistet, neu eingestreut und Raufutter vorbereitet. Der Stall ist gekehrt und blitzsauber.
Da mittlerweile die Sonne scheint, habe ich mir vorgenommen, 2 Apfelbäume von ihrer schweren Last zu befreien. Gegen 13:30 und 5 vollen Kisten Äpfel gehe ich ins Haus und entledige mich meiner Stallklamotten. Während ich dusche köcheln meine Spaghetti vor sich hin, um dann anschließend zum Mittagessen zu mutieren.
Gegen 15 Uhr bin ich im Wohnzimmer eingeschlafen, und kurz vor 17 Uhr wieder zu mir gekommen. Ein kurzer Blick in den Flurspiegel verrät mir, dass ich aussehe wie am Morgen. Was soll’s. Draußen sind bereits alle wieder weg.
Ich werfe meinen Computer an, und schaue mal ins Netz. Das erste was ich beim hochfahren sehe, sind 2 Trojaner in der Quarantäne meines Überwachungssystems. Das gestern Abend geladene Skype Programm stirbt den sofortigen Tod der Deinstallation. Im Netz ist Sonntagsruhe.
Um 17:30 Uhr hole ich alle Tiere von der Weide und um 18:00 Uhr sitze ich am Computer und schreibe diesen aufregenden Sonntag in eine Word Datei.
In 20 Minuten ist füttern angesagt und dann ist der Tag der um 5:30 begonnen hat, genauso wie an vielen hundert anderen Tagen wieder zuende.
Computer, TV oder gleich ins Bett. Ich schwanke noch.
Morgen ist Montag, und der Tag beginnt um 5:30 Uhr.
Es gibt wohl kaum ein 2. Medium in dem mehr gelogen, geschwindelt und erfunden wird, als das Internet. Da wird aus dem dickbäuchigen Spargel-Glatzkopf ein Sixpack bewaffneter Adonis und aus der umfangreichen Rubenslady ein Größe 36 Modell mit 90-60-90 Maßen.
Die Gegenüberstellung dieser 4 genannten Ausprägungen soll nun keine Wertung darstellen, sondern nur den Gegensatz aufzeigen. Eigentlich machen solche Eigenbewertungen die nicht der Realität entsprechen nur einen psychologischen Sinn. Man glaubt die Bewunderung der anderen zu spüren und zu bekommen wenn man einem öffentlichen Medienideal entspricht. Die Tatsache, dass eine eintretende Realität den Absturz in ein Tal der Frustration vorgezeichnet hat, vergisst man dabei gerne.
Manche, und das auch noch zunehmend, gehen noch einen Schritt weiter. Sie produzieren eine virtuelle Scheinwelt mit Gefühlen und Emotionen die rein auf einer virtuellen Vorstellung basieren. Tages- Wochen- und Jahresabläufe richten sich im Extremfall daran aus. Feiertage, Geburtstage, Familienfeiern jedweder Art, als auch sonstige vorstellbare Events, finden in der virtuellen Scheinwelt statt. Die eigene Realität rückt dabei soweit in den Hintergrund dass in extremen Fällen von 2 Leben gesprochen werden kann.
An dieser Stelle erfolgt im Normalfall nun die Frage nach dem Sinn oder Unsinn solches Tuns, auf die ich aber verzichten möchte. Fakt ist, dass der Anbieter der virtuellen Welt, das Internet, den Lebensinhalt gestaltet.
Würde man nun auf die Idee kommen und die Auswirkungen von Gen manipuliertem Mais, mit den Auswirkungen des Lebens in der virtuellen Welt des Internet vergleichen, entständen wohl viele unbeantwortete Fragen.
Kann eine virtuelle Supernanny zukünftig die Kinder erziehen?
Wird das sexuelle Erlebnis der Zeugung durch den virtuellen Orgasmus mittels Mausklick abgelöst?
Werden Endorphinstöße zukünftig virtuell angeboten und wie Benzin für das Auto an der Tankstelle im
Internet gehandelt?
Bekommt die PC Tastatur Oberflächensensoren, die eine stufenlos regelbare
Berührung der Haut ermöglichen?
Und……bekommt der Bildschirm menschlich animierte Formen um zum Beispiel heftiges knutschen zu ermöglichen?
Man weiss es nicht?
Als die Gebrüder Wright im Jahre 1903 zum ersten Mal ein flugfähiges Flugzeug vorstellten und damit die Möglichkeit schufen dass Millionen von Menschen heute jeden Punkt der Erde erreichen können, dachten sie auch nicht daran, dass damit 2009 die Schweinegrippe um die Welt reist!
Man darf gespannt sein, welchen Virus das Internet noch transportieren wird.